Der stille Feind im Familienunternehmen: unausgesprochene Erwartungen
- einfach.mike

- 13. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
„Ich dachte, du weißt das.“
Ein Satz, der in einem Familienunternehmen ziemlich viel kaputtmachen kann.
„Ich bin davon ausgegangen, dass …“
„Das war doch klar.“
„Das hätte ich mir von dir schon erwartet.“
Solche Sätze klingen harmlos.
Sie sind es selten.
Vor ein paar Monaten war ich bei einem Unternehmer, bei dem genau das passiert ist.
Der Mann war richtig fertig.
Er versuchte gleichzeitig, sein Unternehmen zu führen, seine Familie zusammenzuhalten, seine Mitarbeiter zufriedenzustellen und gefühlt auch noch die Erwartungen jedes Menschen in seinem Umfeld zu erfüllen.
Das Problem hatte einen Namen:
Erwartungen, über die kaum jemand gesprochen hatte.
„Das war doch klar.“
Ich kenne diesen Satz aus vielen Unternehmen.
Und wahrscheinlich kennen ihn viele Unternehmer auch aus ihrem Privatleben.
Das Problem ist simpel:
Was für den einen völlig klar ist, kann für den anderen unsichtbar sein.
Der Vater erwartet, dass der Sohn irgendwann übernimmt.
Der Sohn erwartet, dass der Vater ihm irgendwann wirklich Verantwortung übergibt.
Die Mitarbeiter erwarten, dass der neue Chef endlich Entscheidungen trifft.
Der Chef erwartet, dass die Mitarbeiter selbstständiger werden.
Die Ehefrau erwartet, dass nach der Arbeit irgendwann wirklich Feierabend ist.
Und der Unternehmer erwartet von sich selbst, dass er für alle da ist.
Und irgendwo dazwischen steht ein Mensch und versucht, alles richtig zu machen.
Das funktioniert eine Zeit lang.
Dann wird es anstrengend.
Dann wird es teuer.
Und irgendwann wird es gefährlich.
Wenn jeder etwas erwartet, aber niemand darüber spricht
Ich habe einen Unternehmer erlebt, der an seinen eigenen Erwartungen fast zerbrochen wäre.
Er wollte es allen recht machen.
Seiner Familie.
Seinen Mitarbeitern.
Seinen Kunden.
Seinem Unternehmen.
Und natürlich sich selbst.
Wobei „sich selbst“ eigentlich gar nicht stimmte.
Seine eigene Erwartung an sich war ungefähr:
„Ich muss das alles schaffen. Und zwar gleichzeitig.“
Er hatte Erwartungen übernommen, die andere ausgesprochen hatten.
Er hatte Erwartungen übernommen, die andere nie ausgesprochen hatten.
Und er hatte sich selbst noch einige zusätzliche Erwartungen auferlegt.
Das Ergebnis:
Er war erschöpft.
Sein Team war frustriert.
Seine Familie war enttäuscht.
Und trotzdem hatte jeder das Gefühl, zu wenig zu bekommen.
Das ist die eigentliche Absurdität:
Alle wollten das Beste für das Unternehmen. Und trotzdem bewegten sich alle immer weiter voneinander weg.
Wenn niemand sagt, was er braucht, wird Zusammenarbeit zum Ratespiel
Eine einfache Regel begleitet mich in meiner Arbeit:
Wenn ich nicht sage, was ich brauche, kann ich nur hoffen, dass jemand es errät.
Im Alltag handeln wir aber erstaunlich oft genau anders.
Wir sagen nicht, was wir wollen.
Wir sprechen Erwartungen nicht aus.
Wir hoffen darauf, dass der andere sie erkennt.
Und wenn das nicht passiert, sind wir enttäuscht.
Dann entsteht der Klassiker:
„Ich hätte mir schon erwartet, dass du …“
Meine Gegenfrage wäre meistens:
„Hast du ihm das auch gesagt?“
Stille.
Genau dort beginnt häufig die eigentliche Arbeit.
Auch ausgesprochene Erwartungen können zum Problem werden
In dem Unternehmen gab es allerdings auch Erwartungen, die ausgesprochen wurden.
Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht.
War es aber nicht immer.
Denn manche Erwartungen waren schlicht nicht erfüllbar.
Trotzdem widersprach niemand.
Ein Unternehmer sagt:
„Das brauche ich von dir.“
Der Mitarbeiter nickt.
Obwohl er genau weiß, dass er es unter den aktuellen Bedingungen niemals schaffen wird.
Der Unternehmer versteht das Nicken als Zustimmung.
Der Mitarbeiter meint vielleicht:
„Ich versuche es irgendwie.“
Ein paar Wochen später sind beide enttäuscht.
Und beide fragen sich:
„Warum hat der andere das nicht früher gesagt?“
Genau deshalb reicht es nicht, Erwartungen einfach auszusprechen.
Man muss auch darüber reden können.
Was ist wirklich gemeint?
Was ist machbar?
Was braucht es dafür?
Und was müssen wir verändern?
Manchmal gehört zu guter Führung deshalb auch der Satz:
„Das kann ich so nicht leisten.“
Das ist keine Schwäche.
Das ist Klarheit.
Und dann gibt es noch die schwierigste Erwartung: die eigene
Bei meinem Kunden war diese besonders stark.
Er erwartete von sich selbst Dinge, die er von keinem anderen Menschen verlangt hätte.
Er wollte ein perfekter Chef sein.
Ein perfekter Vater.
Ein perfekter Unternehmer.
Ein perfekter Ansprechpartner.
Ein perfekter Problemlöser.
Und natürlich wollte er auch noch Zeit für sich haben.
Das ist eine ziemlich brutale Kombination.
Vor allem, weil man sich selbst besonders schwer widerspricht.
Aber auch die eigenen Erwartungen kann man überprüfen:
Muss ich das wirklich leisten?
Für wen mache ich das?
Was passiert, wenn ich es nicht mache?
Wer erwartet das tatsächlich von mir?
Und eine meiner Lieblingsfragen:
Wofür?
„Wofür?“ verändert Erwartungen
Genau diese Frage wurde später auch bei unserer Teamarbeit zentral.
Wir wollten die Erwartungen nicht einfach nur sammeln.
Wir wollten verstehen, warum sie überhaupt da waren.
Dafür haben wir mit einer Methode gearbeitet, die heißt der „Marktplatz der Erwartungen“.
Das Prinzip ist einfach:
Jede wichtige Person oder Rolle sammelt zunächst für sich:
Was erwarte ich von den anderen?
Was brauche ich von ihnen?
Was wünsche ich mir?
Was brauche ich, damit meine Arbeit gut funktioniert?
Danach schaut sich das Team die Erwartungen gemeinsam an.
Man fragt nach.
Man erklärt.
Man diskutiert.
Und vor allem fragt man:
„Wofür brauchst du das eigentlich?“
Aus
„Ich möchte, dass du mich früher informierst.“
wird vielleicht:
„Ich möchte früher informiert werden, weil ich sonst wichtige Entscheidungen zu spät treffen kann.“
Plötzlich ist der eigentliche Grund sichtbar.
Und genau dort wird Zusammenarbeit interessant.
Denn hinter einer Erwartung steckt meistens ein Grund.
Warum ist dir das wichtig?
Was soll dadurch besser werden?
Was brauchst du dafür?
Und irgendwann landen wir bei den Fragen, die für ein Unternehmen wirklich entscheidend sind:
Wie wollen wir miteinander arbeiten?
Wie viel Verantwortung soll jemand tatsächlich übernehmen?
Was bedeutet Verlässlichkeit für uns?
Wie viel Freiheit brauchen Menschen?
Wann bedeutet Führung Unterstützung?
Und wann wird Unterstützung zur Einmischung?
Das sind keine Fragen, die nur Familienunternehmen betreffen.
Aber in einem Familienunternehmen werden sie oft besonders wichtig.
Denn hier vermischen sich Familie, Eigentum, Führung und Arbeit.
Ich würde diese Fragen deshalb lieber stellen, bevor es kracht.
Klarheit bedeutet nicht, alles zu regeln
Viele Unternehmer glauben, Klarheit bedeute, für alles eine Regel zu brauchen.
Das meine ich nicht.
Klarheit bedeutet für mich:
Wir wissen, was wir voneinander erwarten.
Und wir dürfen darüber sprechen.
Auch wenn es unangenehm wird.
Gerade dann.
Denn ein Familienunternehmen kann sehr viel aushalten.
Unausgesprochene Erwartungen gehören selten dazu.

Das Ergebnis gehört dem Team
Bei meinem Kunden entstand aus den vielen einzelnen Erwartungen ein gemeinsames Bild davon, was die Beteiligten voneinander brauchen.
Dieses Bild werde ich hier bewusst nicht zeigen.
Ich darf es nicht.
Und ich will es auch nicht.
Es gehört dem Team.
Es ist das gemeinsame Bild davon, was alle voneinander erwarten.
Und genau so soll es sein.
Es soll kein Bild sein, das einmal an die Wand kommt und danach niemand mehr anschaut.
Es soll leben.
Denn Erwartungen verändern sich.
Menschen verändern sich.
Unternehmen verändern sich.
Also darf sich auch das gemeinsame Bild verändern.
Der Unternehmer muss nicht alle Erwartungen erfüllen
Das war für meinen Kunden wahrscheinlich eine der wichtigsten Erkenntnisse.
Seine Aufgabe bestand nicht darin, sämtliche Erwartungen zu erfüllen.
Seine Aufgabe bestand darin, gemeinsam mit den Menschen im Unternehmen herauszufinden:
Welche Erwartungen haben wir überhaupt?
Welche davon sind sinnvoll?
Welche können wir erfüllen?
Welche müssen wir verändern?
Welche Erwartungen gehören überhaupt zu meiner Rolle?
Und welche habe ich mir selbst auferlegt?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Führung bedeutet nicht, alle Erwartungen zu erfüllen.
Führung bedeutet, dafür zu sorgen, dass Erwartungen sichtbar werden und gemeinsam geklärt werden können.
Vertrauen beginnt mit Klarheit
Ich glaube mittlerweile, dass viele Konflikte in Unternehmen an einer erstaunlich einfachen Stelle entstehen:
Menschen reden miteinander.
Aber sie sprechen nicht über das, was wirklich gemeint ist.
Sie sprechen über Aufgaben.
Termine.
Fehler.
Zahlen.
Projekte.
Und darunter liegen Erwartungen.
„Ich dachte …“
„Ich bin davon ausgegangen …“
„Das war doch klar …“
Genau dort würde ich hinschauen.
Denn oft ist nicht das eigentliche Problem kompliziert.
Es wurde nur nie ausgesprochen.
Und genau hier beginnt meine Arbeit
Bei einfach.mike geht es deshalb oft gar nicht um die offensichtliche Frage.
Oft kommen Unternehmer mit einem Führungsproblem zu mir.
Oder mit einem Konflikt im Team.
Oder mit dem Gefühl, dass ihre Mitarbeiter keine Verantwortung übernehmen.
Und manchmal stellen wir fest:
Hinter all diesen Problemen stecken unausgesprochene Erwartungen.
Wir machen sichtbar, was bisher nur zwischen den Zeilen existiert.
Manchmal entdecken wir dabei, dass das eigentliche Problem schon viel früher entstanden ist:
Bei einer Erwartung, die nie ausgesprochen wurde.
Bei einem Ziel, das jeder anders verstanden hat.
Oder bei einem „Wofür?“, das nie gestellt wurde.
Dafür braucht es nicht immer ein großes Beratungsprojekt.
Manchmal braucht es zuerst ein ehrliches Gespräch.
Mein Fazit
Wenn du ein Familienunternehmen führst, schau heute einmal auf die Erwartungen, die in deinem Unternehmen im Raum stehen.
Nicht nur auf die ausgesprochenen.
Auch auf die, von denen alle glauben:
„Das ist doch klar.“
Denn genau dort entstehen oft die größten Missverständnisse.
Vielleicht ist die wichtigste Führungsaufgabe deshalb viel einfacher, als wir denken:
Sorge dafür, dass möglichst wenig zwischen den Zeilen steht.
Was ist jetzt zu tun?
Setz dich heute mit einem wichtigen Menschen in deinem Unternehmen zusammen.
Und frage:
„Was erwartest du eigentlich von mir?“
Dann hör zu.
Ohne sofort zu erklären.
Danach frag:
„Was glaubst du, erwarte ich von dir?“
Die Antwort könnte interessant werden.
Vielleicht sogar unangenehm.
Das ist vollkommen in Ordnung.
Denn aus solchen Gesprächen entsteht Klarheit.
Aus Klarheit entsteht Vertrauen.
Und aus Vertrauen entsteht die Freiheit, gemeinsam etwas zu bewegen.
Wenn du merkst, dass in deinem Unternehmen gerade zu viel zwischen den Zeilen steht, lass uns darüber sprechen.




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